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Bahnhofsmissionen – Ohne Ehrenamt läuft nichts

Ob Notverpflegung, Krisenintervention oder Hilfe am Bahnsteig: Ohne Ehrenamt läuft in den bayerischen Bahnhofsmissionen nichts. Ohne Koordination auch nicht.

Immer mehr Gäste und immer komplexer werdende Problemlagen prägen den Alltag der Bahnhofsmissionen in Bayern. Die zwölf Stationen im Freistaat verzeichneten im vergangenen Jahr mehr als eine Million Hilfeleistungen und rund 620.000 Kontakte – etwa zehn Prozent mehr als im Vorjahr.

„Wir können nicht mehr leisten“, sagt Anita Dorsch, Leiterin der Bahnhofsmission Nürnberg, „unsere Kapazitäten sind erschöpft.“ Ein Großteil der Arbeit wird – hier wie andernorts – von Ehrenamtlichen getragen. Mehr als 500 sind es bayernweit. Sie leisten schnelle, unbürokratische Hilfe, führen Gespräche, stabilisieren in Krisen und vermitteln an weiterführende Angebote.
Die Anforderungen steigen weiter: Rund 86 Prozent der Gäste leben in besonders schwierigen Lebenslagen. Entsprechend nehmen aufwendige Hilfen zu.
Zugleich verändert sich das Ehrenamt. Viele Menschen engagieren sich heute flexibler, projektbezogen und zeitlich begrenzter.

„Anspruchsvolles Ehrenamt entsteht nicht von selbst.“

„Gerade angesichts der wachsenden Herausforderungen in unseren Einrichtungen ist es wichtig, eine Überforderung der Mitarbeitenden zu vermeiden. Ehrenamt ist nicht kostenlos – es braucht Zeit, Begleitung und verlässliche Strukturen“, betonen Michelle Agler (IN VIA Bayern) und Harald Keiser (Diakonie Bayern) von der Arbeitsgemeinschaft der kirchlichen Bahnhofsmissionen.
Damit wird klar: Ein so anspruchsvolles Ehrenamt entsteht nicht von selbst. Es muss gewonnen, professionell begleitet und verlässlich organisiert werden

Koordination hält zusammenEine zentrale Rolle spielt dabei eine professionelle Ehrenamtskoordination. Sie ist die Schnittstelle zwischen Haupt- und Ehrenamt und macht aus Engagement verlässliche und nachhaltige Hilfeleistungen.
Ulla Kunkel-Kolb von der Bahnhofsmission Aschaffenburg kennt beide Seiten. 2012 kam sie selbst als Ehrenamtliche dazu. „Ich weiß, was wichtig ist für Ehrenamtliche“, sagt sie. Heute versteht sie sich als Bindeglied im Team: „Ich bin da, um Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Wenn Ehrenamtliche gut arbeiten können und sich wohlfühlen, kommt das auch bei den Gästen an.“
Zu ihren Aufgaben gehören die Gewinnung neuer Freiwilliger, Einarbeitung, Schulungen und die Begleitung im Alltag. Besonders herausfordernd ist es, die Vielfalt im Team zu gestalten: „Wir haben ganz unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Erwartungen. Das zusammenzubringen, ist eine der größten Herausforderungen.“
Auch in Nürnberg zeigt sich, wie eng Koordination und Praxis verbunden sind. „Es ist eine spannende Kombination, den direkten Kontakt mit den Gästen und die Ehrenamtskoordination zusammenzudenken“, sagt Koordinatorin Sonja Krings, die seit rund eineinhalb Jahren bei der Bahnhofsmission arbeitet. „Man muss die Abläufe kennen und gleichzeitig das Team im Blick behalten.“

Begleitung macht den UnterschiedDie Arbeit in der Bahnhofsmission ist nah an den Menschen – und oft belastend. Umso wichtiger ist es, nicht allein zu sein. „Dann entsteht Frust. Ehrenamtliche fühlen sich allein gelassen und wissen im schlimmsten Fall nicht, wie sie mit schwierigen Situationen umgehen sollen – und das wirkt sich auch auf die Gäste aus“, sagt Ulla Kunkel-Kolb. „Wie wichtig diese Begleitung ist, zeigt auch ein Moment aus ihrem Alltag: Eine Ehrenamtliche sagte nach einem schwierigen Einsatz zu mir: ‚Gut, dass ich das nicht allein tragen musste.‘ Da wird mir immer wieder bewusst, wie wichtig unsere Rolle im Hintergrund ist.“

Ehrenamtskoordination gibt hier Orientierung, Austausch und Unterstützung. Auch Margit Müller, seit über 20 Jahren ehrenamtlich in Nürnberg engagiert, erlebt das ganz konkret: „Eine feste Ansprechperson schafft Sicherheit. Man weiß, an wen man sich wenden kann. Die Koordinatorin ist immer im Thema – das erleichtert vieles im Alltag.“

01 Ehrenamtskoordination Foto1 320Alles eine Frage der Absprachen – Koordination ist für den Einsatz von Ehrenamtlichen unverzichtbar.

Qualität und EntlastungAuch für die hauptamtlichen Teams ist die Ehrenamtskoordination eine große Unterstützung. „Die Ehrenamtskoordination entlastet uns im Alltag enorm – sie schafft Luft im System“, sagt Anita Dorsch. „Früher mussten wir die Koordination zusätzlich übernehmen.“
Die Einarbeitung neuer Ehrenamtlicher dauert in der Regel mehrere Wochen. Gleichzeitig werden die Problemlagen der Gäste komplexer: „Die Menschen bringen immer mehr Probleme mit – das muss man aushalten können. Umso wichtiger ist es, die Ehrenamtlichen gut zu begleiten, damit keine Überforderung entsteht.“ Außerdem gebe es künftig auch mehr Möglichkeiten, neue Zielgruppen für das Ehrenamt anzusprechen – etwa über Social Media.

„Sie brauchen Begleitung, damit die Freude am Engagement erhalten bleibt.“

Eine Investition in die ZukunftSeit 2024 konnten dank der Förderung des Freistaats Bayern an mehreren Standorten Stellen für Ehrenamtskoordination geschaffen oder ausgebaut werden. Die Ansätze zeigen Wirkung – müssen aber langfristig gesichert werden.
Unterstützt werden die Standorte auch durch IN VIA Bayern und dem Diakonischen Werk Bayern, die Austausch, Qualifizierung und Weiterentwicklung ermöglichen. Sie bilden mit den Trägern der Einrichtungen die Arbeitsgemeinschaft der kirchlichen Bahnhofsmissionen in Bayern. „Dadurch entsteht eine gemeinsame Qualität und ein Gefühl von Zusammenhalt über die einzelnen Standorte hinaus“, sind sich die Koordinatorinnen Ulla Kunkel-Kolb und Sonja Krings einig. Für Anita Dorsch ist klar: „Ehrenamtskoordination ist unverzichtbar. Ehrenamtliche wollen und müssen sich gesehen fühlen. Sie brauchen Begleitung, damit die Freude am Engagement erhalten bleibt.“
Denn klar ist auch: Ehrenamtliche sind das Rückgrat der Bahnhofsmissionen. Und dieses Engagement braucht verlässliche Strukturen – und ein starkes Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt.

Annette Bieber

 

 

Inhalt

  • Bahnhofsmission – Ohne Ehrenamt läuft nichts
  • Interview mit Thomas Huber, MBA
  • Mit Volldampf ins Jubiläum
  • „Hab Mut, steh auf“
  • Geschichten auf der Wanderbank gesammelt
  • Bundesverdienstkreuz für Rita Schulz
  • Statistik
  • Hedwig Gappa-Langer im Ruhestand
  • Impressum

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IN VIA Bayern e.V.
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